Medizinische Ästhetik verstehen

Was ist eigentlich eine Heilpraktikerin?

Heilpraktiker werden in den Medien häufig stark vereinfacht dargestellt. Meist geht es dabei um die formalen Voraussetzungen für die Zulassung zur Überprüfung und um den schriftlichen Multiple-Choice-Teil. Daraus wird schnell die Behauptung, praktisch jeder könne nach einem einfachen Ankreuztest als Heilpraktiker arbeiten.

Ganz so einfach ist es nicht. Deshalb möchte ich erklären, was die Heilpraktikererlaubnis tatsächlich bedeutet und welche Ausbildung hinter meiner Arbeit in der medizinischen Ästhetik steht.

Ein eigenständiger Heilberuf

Die Ausübung der Heilkunde ist in Deutschland gesetzlich geregelt. Neben Ärzten dürfen nur Heilpraktiker Krankheiten eigenverantwortlich feststellen und behandeln. Andere Gesundheitsfachberufe arbeiten innerhalb ihrer gesetzlich festgelegten Aufgaben oder aufgrund ärztlicher Verordnung und Weisung.

Die Heilpraktikererlaubnis wird erst nach einer Überprüfung durch das Gesundheitsamt erteilt. Geprüft wird, ob die notwendigen medizinischen und rechtlichen Kenntnisse vorhanden sind, um Heilkunde selbstständig und verantwortungsvoll auszuüben.

Wer Krankheiten eigenverantwortlich feststellen und behandeln darf, braucht entsprechend umfassendes medizinisches Wissen. Dafür genügt es nicht, einige typische Symptome auswendig zu kennen. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel oder Bauchschmerzen können harmlose, aber auch ernste Ursachen haben. Um sie richtig einzuordnen, muss man Anatomie, Physiologie und Krankheitslehre verstehen.

Eine Heilpraktikerin muss eine vollständige Anamnese erheben, Befunde und Laborwerte verstehen und mögliche Diagnosen gegeneinander abwägen können. Sie muss einzelne Informationen zu einem medizinischen Gesamtbild zusammenführen, ähnliche Krankheitsbilder voneinander unterscheiden und gefährliche Verläufe erkennen. Genau das bedeutet differentialdiagnostisches Denken.

Das dafür erforderliche Wissen ist nicht nur breit, sondern muss auch in die Tiefe gehen. Nur so kann eine Heilpraktikerin sicher beurteilen, was sie selbst behandeln kann und wann eine weiterführende ärztliche Abklärung notwendig ist.

Was wird geprüft?

Der Prüfungsstoff umfasst unter anderem:

  • Anatomie und Physiologie,
  • Erkrankungen sämtlicher Organsysteme,
  • Infektionskrankheiten und Infektionsschutz,
  • Notfallmedizin,
  • Psychiatrie und Neurologie,
  • Pharmakologie und Laborwerte,
  • Hygiene und Sterilität,
  • Anamnese, Untersuchung und Differenzialdiagnostik,
  • Berufsrecht, Patientenrechte, Dokumentation und Haftung.

Dieses Wissen wird nicht über mehrere Jahre in einzelnen Fachprüfungen abgefragt. Es muss für eine einzige schriftliche und mündlich-praktische Überprüfung gleichzeitig abrufbar sein.

Der schriftliche Teil besteht aus 60 Fragen. Mindestens 45 davon müssen richtig beantwortet werden. Erst danach wird man zum mündlich-praktischen Teil zugelassen.

Dort prüfen Amtsärztinnen oder Amtsärzte das medizinische Wissen und seine praktische Anwendung. Je nach Gesundheitsamt sind weitere fachkundige Personen beteiligt. Heilpraktiker werden also von Ärzten geprüft.

Im mündlich-praktischen Teil müssen medizinische Fälle eingeordnet, Untersuchungen erklärt, Differenzialdiagnosen entwickelt und Notfälle erkannt werden. Wird dieser Teil nicht bestanden, muss bei einem neuen Versuch auch die schriftliche Prüfung wiederholt werden.

Zulassung zur Prüfung ist nicht dasselbe wie Bestehen

Um an der Überprüfung teilnehmen zu dürfen, braucht man unter anderem einen Schulabschluss, ein Mindestalter von 25 Jahren, gesundheitliche Eignung und ein einwandfreies Führungszeugnis.

Diese Voraussetzungen regeln lediglich den Zugang. Sie sagen nichts darüber aus, ob jemand die Überprüfung besteht.

Je nach Prüfungsdurchgang scheitert regelmäßig mehr als die Hälfte der Teilnehmenden. Auswertungen verschiedener Bundesländer zeigen Nichtbestehensquoten von etwa 50 bis 70 Prozent. Eine langjährige Erhebung des Gesundheitsamtes Bremen kam auf eine Bestehensquote von nur 27 Prozent für das vollständige schriftliche und mündliche Verfahren.

Auch das Multiple-Choice-Format macht die Prüfung nicht zu einem Ratespiel. Häufig müssen mehrere Aussagen einzeln bewertet und anschließend einer Antwortkombination zugeordnet werden. Ein überlesenes „nicht“ oder eine einzige falsch bewertete Aussage kann die gesamte Aufgabe falsch machen.

Nur ein Ankreuztest? Drei Beispielfragen

1. Trousseau-Zeichen

Eine Patientin berichtet über Kribbeln an Händen und Füßen sowie wiederkehrende Muskelkrämpfe. Bei der Untersuchung zeigt sich ein positives Trousseau-Zeichen.

Welche Veränderung ist als Ursache besonders naheliegend?

  1. Hyperkalzämie
  2. Hypokalzämie
  3. Hypernatriämie
  4. Hyperurikämie
  5. Hypercholesterinämie

Lösung: B) Hypokalzämie.

2. Starke Schläfenkopfschmerzen

Eine ältere Patientin entwickelt starke Schläfenkopfschmerzen, Druckschmerz über der Temporalarterie und Schmerzen beim Kauen. Die Blutsenkungsgeschwindigkeit ist deutlich erhöht.

Welche Verdachtsdiagnose muss wegen der Gefahr eines bleibenden Sehverlustes dringend abgeklärt werden?

  1. Arteriitis temporalis
  2. Trigeminusneuralgie
  3. Sinusitis maxillaris
  4. Otitis externa
  5. Spannungskopfschmerz

Lösung: A) Arteriitis temporalis.

3. Fortgeschrittene Urämie

Welche Befunde können bei einer fortgeschrittenen Urämie auftreten?

  1. Foetor uraemicus
  2. Perikarditis
  3. Lungenödem
  4. renale Anämie
  5. gesteigerte renale Erythropoetinproduktion
  1. Nur 1 und 2
  2. Nur 3 und 5
  3. Nur 1, 2, 3 und 4
  4. Nur 2, 4 und 5
  5. Alle Aussagen

Lösung: C) Die Aussagen 1, 2, 3 und 4 sind richtig.

Die Spezialisierung erfolgt danach

Die Heilpraktikererlaubnis ist eine allgemeine Erlaubnis zur eigenverantwortlichen Ausübung der Heilkunde. Die Spezialisierung auf ein bestimmtes Fachgebiet erfolgt anschließend.

Das ist bei Ärzten genau so. Ein Medizinstudium vermittelt eine breite medizinische Grundlage. Spezielle Kenntnisse in Gesichtsanatomie, Fillerbehandlungen und ästhetischen Injektionstechniken müssen jedoch zusätzlich erworben und praktisch geübt werden.

In der medizinischen Ästhetik besuchen Ärzte und Heilpraktiker dieselben Fachfortbildungen. Sie lernen bei denselben ärztlichen Ausbildern und bei Herstellern medizinischer Produkte. Auch die verwendeten Materialien sind dieselben.

Im Laufe meiner Spezialisierung wurde ich von erfahrenen Ärztinnen und Ärzten aus- und weitergebildet. Sie vermittelten mir ihr Wissen, begleiteten meine praktische Arbeit und unterschrieben die Zertifikate meiner Fachausbildungen persönlich.

Hinzu kommen mehr als zehn Jahre praktische Erfahrung, genaue anatomische Kenntnisse und regelmäßige Fortbildungen. Ebenso wichtig sind ein gutes Auge für Proportionen, eine sichere Technik und die Fähigkeit, Möglichkeiten und Grenzen einer Behandlung ehrlich einzuschätzen.

Mein persönlicher Weg

Ursprünglich wollte ich Ärztin werden. Zunächst entschied ich mich jedoch für einen Beruf, den man nur in jungen Jahren ausüben kann: Ich wurde Trapezartistin.

Als ich mich später beruflich neu orientierte, war ich alleinerziehende Mutter. Ein Medizinstudium mit anschließender klinischer Weiterbildung war damals nur schwer mit meinem Familienleben vereinbar. Deshalb legte ich die Heilpraktikerüberprüfung ab. Seit 2009 besitze ich die Heilpraktikererlaubnis und darf Heilkunde eigenverantwortlich ausüben.

Danach spezialisierte ich mich intensiv auf medizinische Ästhetik. Ich praktiziere seit über zehn Jahren in diesem Bereich und bilde mich fortlaufend weiter.

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Das Heilpraktikergesetz stammt aus dem Jahr 1939 und damit aus der Zeit des Nationalsozialismus. Es wurde damals nicht geschaffen, um den Berufsstand zu fördern. Im Gegenteil: Der Zugang sollte stark begrenzt und der Beruf langfristig zurückgedrängt werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich dieses Ziel nicht mit der im Grundgesetz geschützten Berufsfreiheit vereinbaren. Der Heilpraktikerberuf blieb bestehen und wurde durch die Rechtsprechung als rechtlich geschützter Beruf anerkannt. Das alte Gesetz gilt bis heute weiter, wird aber nach den Maßstäben des Grundgesetzes angewendet.

Der heutige Heilpraktikerberuf ist daher weder ein ungeregeltes Hobby noch eine Erfindung der modernen Wellnessbranche. Er ist ein eigenständiger Heilberuf mit behördlicher Erlaubnis und klaren rechtlichen Grenzen.

Woran erkennt man eine seriöse Behandlerin?

In Medienberichten werden zugelassene Heilpraktikerinnen manchmal mit Personen vermischt, die überhaupt keine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde besitzen. Es gab Fälle, in denen nicht berechtigte Personen Unterspritzungen über soziale Medien anboten und sich dabei unberechtigt als Heilpraktikerinnen bezeichneten.

Eine echte Heilpraktikererlaubnis lässt sich überprüfen. Die zuständige Behörde kennt die zugelassene Person. Eine seriöse Praxis nennt außerdem ihre Anschrift, Berufsbezeichnung und Aufsichtsbehörde in einem vollständigen Impressum. Auch Ausbildung und Spezialisierung sollten nachvollziehbar sein.

Für eine konkrete Behandlung zählen außerdem Erfahrung, Hygiene, sorgfältige Aufklärung und der sichere Umgang mit möglichen Komplikationen. Eine verantwortungsvolle Behandlerin erklärt nicht nur mögliche Ergebnisse, sondern auch Risiken und Grenzen. Und sie rät von einer Behandlung ab, wenn sie nicht sinnvoll ist.

Warum mir dieser Beitrag wichtig ist

Nicht jeder Heilpraktiker arbeitet hervorragend. Das gilt ebenso für Ärzte. Die Berufsbezeichnung allein entscheidet nicht über die Qualität einer Behandlung.

Ich möchte jedoch nicht hinnehmen, dass mein Beruf pauschal lächerlich gemacht oder mit illegal arbeitenden Personen gleichgesetzt wird. Damit werden die anspruchsvolle Überprüfung, die rechtliche Verantwortung und die fachliche Weiterbildung vieler seriöser Heilpraktiker ausgeblendet.

Vor allem schreibe ich diesen Beitrag aber für meine Patientinnen und Patienten. Ich liebe meinen Beruf und übe ihn mit großer Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein aus. Wer zu mir kommt, soll wissen, worauf meine Arbeit beruht. Und er soll sich darauf verlassen können, ehrlich beraten und fachkundig behandelt zu werden.

Quellen und weiterführende Informationen

Alle Beiträge ansehen